— Thordis Bethlehem —

 

Gedanken zu Digitalisierung und Ethik. Wen interessiert es? Gut in Erinnerung sind Wahlplakate aus dem Herbst 2017: DIGITAL FIRST. BEDENKEN SECOND. Abgesehen von einer undifferenzierten und damit nicht hilfreichen Sicht auf die digitale Entwicklung in diesem Statement weist es jeder Art von Bedenken eine nachrangige Rolle zu. Aber worum geht es denn?

Angesichts der Veröffentlichung seiner Biografie zeigte die Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“ am 16. September 2018 ein Interview mit Jaron Lanier, dem Erfinder von Datenhandschuh und Virtual Reality-Brille, der, so heißt es, nicht nur die technische Entwicklung mit vorantreibt, sondern auch darüber philosophiert. „Ich bin optimistisch. Die Tech-Community hat sich komplett geändert. Seit der Wahl Donald Trumps und dem Brexit ist den Leuten bewusst geworden, wie effektiv psychologische Kriegsführung mit dem Werkzeug arbeitet, das wir entwickelt haben.“ Und dabei nehmen Demokratien Schaden. Es seien „bizarre Psychospiele“, mit denen Menschen manipuliert würden, und Lanier beklagt das Geschäftsmodell, Daten zu nutzen, um User zu manipulieren – während Dritte für die Manipulation Geld bezahlten, so Lanier in einem anderen Interview anlässlich der CeBit 2018.

Wie kann gutes Leben im digitalen Miteinander gelingen?

Diesem Thema hat sich seit Januar 2014 auch das Institut für Digitale Ethik (IDE) an der Hochschule der Medien in Stuttgart verschrieben. Eine Antwort darauf gibt das IDE mit den 10 Geboten der Digitalen Ethik:

  1. Erzähle und zeige möglichst wenig von Dir.
    2. Akzeptiere nicht, dass Du beobachtet wirst und Deine Daten gesammelt werden.
    3. Glaube nicht alles, was Du online siehst und informiere Dich aus verschiedenen Quellen.
    4. Lasse nicht zu, dass jemand verletzt und gemobbt wird.
    5. Respektiere die Würde anderer Menschen und bedenke, dass auch im Web Regeln gelten.
    6. Vertraue nicht jedem, mit dem Du online Kontakt hast.
    7. Schütze Dich und andere vor drastischen Inhalten.
    8. Messe Deinen Wert nicht an Likes und Posts.
    9. Bewerte Dich und Deinen Körper nicht anhand von Zahlen und Statistiken.
    10. Schalte hin und wieder ab und gönne dir auch mal eine Auszeit.

Diese Hinweise bestechen nicht durch Neuigkeitswert. Auch in einem Leben offline ist bzw. war das eine oder andere Gebot hilfreich. Aber wie es scheint, tauchen wir mit den neuen Informationstechnologien in neue Welten ein, die neue Handlungsoptionen liefern und damit Wahrnehmen und Verhalten neu beeinflussen. Mittlerweile bekannt sein dürfte der „Online disinhibition effect“, also das im Vergleich zur persönlichen Begegnung herabgesetzte Ausmaß an Hemmung / Zurückhaltung in der Online-Kommunikation mit anderen Menschen. Aber ist damit gleich eine „neue Ethik“ nötig? Professor Sven Jöckel vom Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Philosophischen Fakultät an der Universität Erfurt sieht schon eine erste Schwierigkeit darin, Verhalten on- und offline zu trennen angesichts der zunehmenden Verschränkung aller Lebensbereiche. Weiterhin plädiert er für eine flexible Bewertung in jeder Situation, und das im virtuellen wie auch bisher im realen Leben. „Manche ethische Regeln sind schwieriger online einzuhalten, manche aber auch offline – die Regeln sind gleich, die Kontexte verschieden und so wie wir in vielen sozialen Situationen auf Grundlage unserer moralischen Grundposition die konkreten ethischen Handlungsregeln immer neuaustarieren, so müssen wir dies auch im Netz tun.“

Aber auch die Bundesregierung widmet dem Spannungsfeld „Digitalisierung und Ethik“ ein eigenes Gremium. Mitte Juli wurden die Mitglieder der Datenethikkommission bekannt gegeben, am 5. September fand die erste Sitzung statt. Der Arbeitsauftrag ist im Koalitionsvertrag folgendermaßen umrissen: „Wir werden zeitnah eine Datenethikkommission einsetzen, die Regierung und Parlament innerhalb eines Jahres einen Entwicklungsrahmen für Datenpolitik, den Umgang mit Algorithmen, künstlicher Intelligenz und digitalen Innovationen vorschlägt. Die Klärung datenethischer Fragen kann Geschwindigkeit in die digitale Entwicklung bringen und auch einen Weg definieren, der gesellschaftliche Konflikte im Bereich der Datenpolitik auflöst.“

Seit 10 Jahren ist der Deutsche Ethikrat mit Ethik im Focus unterwegs. Die Digitalisierung fächert die ohnehin schon komplexen ethischen Fragestellungen weiter auf. Zu den aktuellen Themen des Ethikrates gehört auch Big Data. Big Data bezieht sich auf die immer größere, immer facettenreichere Datenmenge, die erfasst wird, ihre immer rascher verlaufende Verarbeitung und (neue) Kombination der Daten mit dem Ziel, Muster zu entdecken und zu neuen Erkenntnissen zu kommen.

Big Data im Gesundheitswesen

2017 betrachtet der Deutsche Ethikrat in der ausführlichen Stellungnahme „Big Data und Gesundheit – Datensouveränität als informationelle Freiheitsgestaltung“ den Gesundheitsbereich daraufhin, wie im Zeitalter von Big Data die Achtung von Werten und Persönlichkeitsrechten sichergestellt werden kann (zur Stellungnahmeund zur Kurzfassung). Big Data wird im Gesundheitsbereich als Möglichkeit gesehen, Kosten zu senken, Krankenhausaufenthalte zu verkürzen, Prävention zielführender zu planen und die Behandlung zu individualisieren, um nur einige Beispiele zu nennen. Dazu werden jedoch persönliche, hochsensible Daten verarbeitet. Der Ethikrat formuliert zahlreiche Empfehlungen im Spannungsfeld zwischen „Chancen von Big Data nutzen“, „Privatsphäre schützen“ und „Fairness sicherstellen“, garniert mit Verweisen zu Datenschutz und Kontrolle. Christiane Fischer, Medizinerin und Geschäftsführerin von „MEZIS e. V. – Mein Essen zahl ich selbst“ (Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte) gibt als einziges Rats-Mitglied ein Sondervotum ab (siehe Seite 51 der Kurzfassung): „In einem Sondervotum fordert Christiane Fischer den Verzicht auf die Nutzung von Big Data zu Forschungszwecken oder anderen Anwendungen, sofern ein umfassender Datenschutz, die Umsetzung effektiver Anonymisierungs- und Pseudoanonymisierungsstandards und das Recht auf Vergessen nicht gewährleistet werden können.“

Digitalisierung und das Aushandeln von Werten und Normen

Eine weitere spannende Frage an das Thema „Big Data im Gesundheitsbereich“ stellt Brent Mittelstadt vom Alan Turing Institute in London. Gefunden habe ich seinen Artikel „Die Sprechstunde fällt aus – Die Verdrängung der werteorientierten Medizin durch Algorithmen“ im Buch „Ethics. Die Ethik der digitalen Zeit“, Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, aus dem Jahre 2018. Mittelstadt thematisiert, wie medizinische Versorgung von immer mehr Personen und Organisationen außerhalb der medizinischen und pflegerischen Zünfte vorgenommen wird, wie Technologien Aufgaben übernehmen und dadurch „das traditionelle Modell der klinischen Versorgung auf der Basis von persönlichen Einzelbegegnungen zwischen Arzt und Patient infrage stellen“ (Seite 80). Die neuen Informationstechnologien sorgten dafür, dass die „Betreuungslast“ immer seltener von medizinischen Fachkräften und den bekannten medizinischen Gemeinschaften (Krankenhäusern, Praxen) getragen würden, sondern immer häufiger von Technologieunternehmen, informellen Pflegekräften und den Patientinnen und Patienten selbst. Damit sei eine Gemeinschaft von Akteuren in Verantwortung, die über teils sehr unterschiedliche Ziele, Normen, Werte und moralische Verpflichtungen verfügten. Mittelstadt schließt daraus, „dass die Entwicklung, Pflege und Anwendung interner Normen, die zur Einhaltung moralischer Verpflichtungen gegenüber den Patienten unerlässlich sind, untergraben werden können, wenn die Versorgung technologisch vermittelt und damit teilweise durch Laien und fachfremde Institutionen bereitgestellt wird.“ (Seite 80) Mittelstadt sieht das Vertrauen der Patientinnen und Patienten in Gefahr, wenn deren Verletzlichkeit den neuen Akteuren nicht ersichtlich ist oder sie in der Beziehungsgestaltung nicht berücksichtigt wird.

Mittelstadts Ausführungen erinnern an die Diskussion zur Einführung der Telematik-Infrastruktur: Wie ist es mit der Datensicherheit? Inwiefern ist es Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten möglich, ihrer Schweigepflicht nachzukommen? Wer entscheidet darüber, welche Daten gespeichert werden? Welche Akteure profitieren auf welche Weise von der Einführung? Nach wie vor aktuell ist der Artikel von Johanna Thünker und Helga Füßmann im report psychologie 4/2018.

Und wieder aus einer anderen Perspektive wird die Digitalisierung in der Medizin von Felix G. Rebitschek, Gerd Gigerenzer und Gert G. Wagner im BDP-Bericht 2018 betrachtet. In ihrem Beitrag „Voraussetzungen einer den Menschen Nutzen bringenden Digitalisierung im Gesundheitswesen“ diskutieren die drei Forscher vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung bestehende Probleme im Gesundheitswesen, die im Zuge der Digitalisierung nicht unbedingt verringert werden, sondern eine potenzielle Verschärfung erfahren. Die Themen sind neben (wieder einmal) Transparenz vorhandene Interessenskonflikte und das Know-how der Akteure.

Petra Grimm, Leiterin des schon oben erwähnten Instituts für Digitale Ethik, forderte am Safer Internet Day am 6. Februar 2018 in Stuttgart wertebasierte Digitalkompetenzen. Sie formuliert folgende 10 Ethische Prinzipien für die IT:

  1. Schutz demokratischer Werte sowie der demokratischen Grundordnung
  2. Verantwortungsbewusstsein und Folgeabschätzung
  3. Selbstbestimmung und Autonomie der Menschen gewährleisten
  4. Privatheit erhalten
  5. Transparenz und Nachvollziehbarkeit aller Prozesse ermöglichen
  6. Vertrauen aktiv herstellen
  7. Pflichtbewusstsein für die Sicherheit der Systeme herstellen
  8. Achtsamkeit gegenüber anderen üben
  9. Einen Perspektivenwechsel von der rein ökonomischen zur demokratischen Sichtweise vornehmen
  10. Chancengleichheit herstellen

Dazu fordert Petra Grimm eine Bildungsoffensive über alle Altersklassen hinweg. Wir hatten es bereits: „Das Gute Leben im Digitalen“ hängt vor allem von Bildung ab.